Der Kamera neue Kleider

In meinem letzten Beitrag habe ich von meiner Seagull 4A (Möwe) erzählt. Einer in die Tage gekommenen analogen „kleinen“ (6X6) Mittelformatkamera. Gerade mal 5 Minuten hatte ich sie in den Händen um sie nach meinem ersten Eindruck gleich weiter zu senden. Meine Möwe ist gerade bei Herrn Azendorf in Elsteraue und wartet darauf ein neues Gewand (Belederung) zu erhalten.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Seltenheitswert – Belederung alter Kameras

Dabei ist es schon eine Besonderheit, denn dort wo sie sich befindet, bzw. weshalb sie dort ist hat Seltenheitswert. Nur wenige Leute auf der Welt beschäftigen sich mit der „Neu-Belederung“ von Kameras, so Herr Azendorf. Ihm bekannt eine Person in Asien und eine in Amerika. Genauso wie alte Kameras so hat dieses Handwerk ebenfalls Seltenheitswert erlangt. Dabei hat mir Herr Azendorf (oldkamerafuchs.de) in einem Interview von sich und seiner Berufung erzählt.

Zum Fotografieren kommt er nur noch selten und wenn dann ist es eine digitale Kamera die zum Einsatz kommt. Tagtäglich hat er mit alten Schätzen zu tun, denen er zu neuem Glanz verhilft. Zur Berufung als Feintäschner hat es jedoch gedauert. Ursprünglich hat er als Fachkraft für Lagerlogistik gearbeitet und dann mal als Kurier oder in einem Baumarkt. „Obwohl man als Lagerist einen Job für die Zukunft hat, so fehlte mir doch der Bezug zur Technik.“, so Herr Azendorf.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Berufung auf Umwegen

Mit dem nachgeholten Fachabitur in Technik in der Tasche, hat er sich zunächst in einer Großbäckerei als Wartungstechniker behauptet. Doch auch hier hat er sich noch nicht am Ende seiner Karriere gesehen und angefangen Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Gerade als er mit seinem Studium zu Ende war musste er einen Schicksalsschlag hinnehmen. Sein Vater, der sich fast sein halbes Leben lang mit alten Kameras beschäftigt hat, verstarb plötzlich und unerwartet.

Das alles liegt nun schon vier Jahre zurück. Sein Vater hat aus Flohmarkt Wühlkisten alte Kameras mit nach Hause gebracht. Er hat sie gesäubert, in Stand gesetzt und auf eBay zum Kauf angeboten. Daraus ergaben sich dann Anfragen von Bekannten und später auch von Bekannten der Bekannten. Irgendwo gab es immer eine Kamera, die er sich mal anschauen sollte. So hinterließ sein Vater nicht nur eine Werkstatt, sondern auch eine Vielzahl von Kameras. In Kartons, auf dem Werktisch, zum Teil wartend und zum Teil schon auseinandergenommen. Und noch stets trafen E-Mails und Anfragen zu alten Kameras ein.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Des Vaters Vermächtnis

Zuerst hat Herr Azendorf, die Kameras an seine Absender zurückgeschickt, mit dem Vermerk, dass sein Vater verstorben sei. Da die Anfragen jedoch nicht aufhören wollten, hat er sich einst einer Leica 1 angenommen und ist ins kalte Wasser gesprungen. Nach Internetrecherchen hat er herausgefunden, dass es für ihn nicht sonderlich schwer sein sollte die Kamera wieder gängig zu machen. Sein Versuch war mit Erfolg gekrönt und das Feuer entfacht.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Sehr häufig waren die Anfragen zur Neu-Belederung von Kameras. Sein Vater hatte bislang alles per Hand geschnitten und hierfür einige Schablonen entworfen. So hat dann eigentlich auch alles angefangen. Für eine kleine Auswahl an Kameras hat Herr Azendorf Lederzuschnitte über eBay angeboten. Neben dem Leder gibt es auch den passenden Kleber. Und für Menschen mit wenig oder ohne handwerklichen Geschick gleich den Service des Aufbringens auf die Kamera dazu.

Nach und nach kamen immer mehr Anfragen und heute schneidet Herr Azendorf die Lederteile nicht mehr mit der Hand. Hier und da hat er dann auch an Kameras kleinere Reparaturen vorgenommen und so die Angst vor dem Unbekannten verloren. Ja, er hat sogar viel Spaß daran gefunden, den alten Schätzen neues Leben und Aussehen zu verschaffen. Seit den letzten drei Jahren nun ist die Anfrage so groß, dass er seinen Lebensunterhalt mit der Kamerabelederung bestreiten kann.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Volle Auftragsbücher

Dabei versendet er seine Kameralederzuschnitte weltweit. Von Australien bis Brasilien und Peru. Es gibt kaum einen Kontinent, bis auf die Antarktis vielleicht, so sagt er stolz, wo er noch nicht ein Leder hin versendet hätte. Der Großteil, seiner Lieferungen geht aber nach wie vor nach Europa. Mittlerweile gibt es Wartezeiten von bis zu ein ein-halb Jahren. Das Versenden von Leder und Kleber, geht natürlich schneller. Doch der Service eine Kamera bekleben zu lassen wird immer mehr gefragt. Fast täglich kommt ein neues Paket mit einer Serviceanfrage für eine oder gar mehrere Kameras bei ihm an.

Ungefähr drei Serviceaufträge verlassen die Werkstatt pro Woche. Lederzuschnitte hingegen verschickt er zwischen fünf und fünfzehn pro Tag in die ganze Welt. Mittlerweile hat er so für ungefähr 50-60 Kameramodelle Zuschnitte abgespeichert und es kommen immer mehr hinzu. Für meine Möwe muss er allerdings erst eine Vermessung vornehmen und sein Programm entsprechend füttern.

© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)
© Martin Azendorf (oldkamerafuchs.de)

Qualität muss sein

Wichtig ist für Herrn Azendorf, dass die Qualität stimmt. Wer seine Kamera neu beledern möchte, dem stehen zahlreiche Lederfarben und Qualitätsunterschiede im Material zur Verfügung. Wenn man die Bilder seiner Werkstatt oder auch seiner Werkstücke sieht, dann lassen diese keine Zweifel aufkommen. Er hat schon überlegt, lieber weniger Aufträge anzunehmen und dafür die Preise anzuheben. Eine Neu-Belederung in einer Hersteller-Service-Werkstatt kostet bei weitem mehr, als der Service bei ihm.

Und Ideen sein Geschäft auszubauen hat er ebenfalls. Vom Verkauf von Ersatzteilen, Reparatur bis hin zum Verkauf von fotografischen Zubehör. Sein größter Traum ist ein Geschäft in einer der großen Städte. Das Geschäft aufgeteilt in zwei Bereiche. Ein Bereich, hyper Modern und schickimicki, mit digitalen Kameras, Objektiven, Taschen und Fotozubehör. Der andere Bereich gilt dann der analogen Kamerawelt. Mit einer Werkstatt, in der eine alte Standuhr steht und an deren Holzwand ein Geweih hängt.

Zu seinen Lieblingskameras zählen alte „Schraub-Leica-Kamera“’s, je älter desto besser. Zu den für ihn besonderen Kameras, die er aufbereiten durfte, zählen Kameras wie die Leica Standard „New York“ oder die russische Spionagekamera Meopta Mirkoma. Sobald ich meine Möwe wieder in Händen halte, werde ich euch Bilder nachreichen, die die Handarbeit von Herrn Azendorf zeigen. Wer möchte findet die Internetseite von Herrn Azendorf unter oldkamerafuchs.de

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