Das Bild war nie das Problem

Bevor ich zu einer Wanderung aufbreche, ist der Griff zur Kamera genauso selbstverständlich wie das Schnüren der Wanderschuhe. Welches Objektiv nehme ich heute? Das Weitwinkel, falls ich den Wasserfall erreiche? Oder doch lieber das Tele, falls mir unterwegs ein Buntspecht oder Reh begegnet? Ich kontrolliere noch einmal die Akkustände. Dabei wurden sie erst letzte Nacht geladen. Ich verstaue den Rest der Ausrüstung. Sogar der Panoramakopf findet irgendwo zwischen Brotzeit und Regenjacke seinen Platz. Zwölf Kilogramm Fotoausrüstung, ohne Stativ. Geballte Technik und erlesenes Zubehör für besondere Aufnahmesituationen. Dabei gehört meine Kamera längst nicht mehr zur neuesten Generation. Alles eingepackt in einem schnieken Rucksack, der das Tragen des Gewichtes erträglicher macht.

Mein treuer Begleiter.
Mein treuer Begleiter.

Am Parkplatz

Am Parkplatz angekommen, empfängt mich ein frischer Waldduft. Die Wanderschuhe sind geschnürt, ich bin bereit, die Ausrüstung ist es ebenfalls. Beiläufig gleitet das iPhone in die Tasche der Wanderhose. Ich schlage die Kofferraumhaube zu und gehe los. Besser hätten die heutigen Bedingungen kaum sein können. Weiches Licht. Ein leichter Wind. Die ersten Sonnenstrahlen tanzen zwischen den Baumkronen. Schäfchenwolken anstatt stahlblauem langweiligen Himmel. Genau die Tage, an denen ich früher schon nach den ersten Metern den Rucksack abgesetzt hätte.

Der Farn im Gegenlicht

Gleich zu Anfang der Route schlängelt sich der Weg leicht bergauf. Ich höre einen Specht im Gehölz auf der Suche nach Nahrung. Wie Morsezeichen hallen seine Schläge durch den Wald. Jetzt wo der Weg steiler werdend den Berghang hinaufführt, merke ich erst, wie leicht sich jeder Schritt anfühlt. Die frische Luft und der Waldgeruch sind wie Urlaub. Ein einzelner Farn leuchtet plötzlich im Gegenlicht auf. Als hätte jemand einen Scheinwerfer nur auf ihn gerichtet. Das Fotostudio Natur öffnet seine Tore.

Mit jedem Schritt wird mir bewusster, warum sich der Aufstieg heute anders anfühlt. Nicht, weil der Weg flacher geworden wäre oder ich plötzlich besser trainiert bin. Es ist der Rucksack auf meinen Schultern. Brotzeit, Regenjacke und alles, was ich für einen Tag draußen brauche, sind dabei. Nur eines fehlt. Die Kameraausrüstung ist im Kofferraum geblieben. Der Fotorucksack ist trotzdem dabei. Wie fast immer liegt er im Kofferraum. Eigentlich hatte ich auch heute vor, ihn mitzunehmen. Doch inzwischen schafft er es oft nicht weiter als bis ins Auto. Stattdessen schultere ich den leichteren Wanderrucksack und gehe los. Das Merkwürdige daran ist nicht diese Entscheidung. Das Merkwürdige ist, dass sie sich inzwischen vollkommen selbstverständlich anfühlt.

Noch vor wenigen Jahren wäre das für mich kaum vorstellbar gewesen. Der Fotorucksack gehörte für mich zu einer Wanderung wie der Wald selbst. Zwölf Kilogramm Ausrüstung waren nie eine Last, über die ich nachgedacht hätte. Sie waren einfach Teil des Tages. Umso mehr überrascht es mich, wie selbstverständlich ich heute losgegangen bin. 

Der Bach
Der Bach

Der Bach

Während der Weg weiter an Höhe gewinnt und zwischen den Bäumen das Rauschen eines Baches hörbar wird, begleitet mich plötzlich eine Frage, die ich mir in den vergangenen Monaten immer wieder gestellt habe.

Wann ist das eigentlich passiert? Und vor allem: Was ist eigentlich passiert?

Wenig später erreiche ich den Bach. Das Wasser sucht sich gluckernd seinen Weg zwischen moosbewachsenen Steinen hindurch. Mal verschwindet es unter umgestürzten Ästen, dann blitzt es im Sonnenlicht wieder auf. Ich bleibe einen Moment stehen, genieße die kühle Luft und mache fast beiläufig ein Foto. Kein Rucksack wird abgesetzt. Kein Objektiv gewechselt. Kein Stativ aufgebaut. Ein Griff in die Hosentasche genügt und schon begleitet mich das leise Rauschen des Wassers weiter den Berg hinauf.

Lange Zeit war ich überzeugt, die Antwort auf meine Frage zu kennen. Damals empfand ich die zwölf Kilogramm nie als Belastung. Erst später redete ich mir ein, genau darin müsse die Ursache liegen. Der Gedanke lag nahe: Eine kleinere, leichtere Kamera müsste das Problem doch lösen. Tatsächlich spielte ich eine Zeit lang ernsthaft mit dem Gedanken, meine Kameraausrüstung gegen ein kleineres und leichteres System einzutauschen.

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger überzeugte mich diese Erklärung. Fast sechs Kilogramm weniger auf dem Rücken hätten jede Wanderung angenehmer gemacht. Daran gab es keinen Zweifel. Trotzdem hätte ich lediglich eine Kamera gegen eine andere getauscht. Ob ich sie deshalb häufiger aus dem Rucksack geholt hätte? Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger war ich davon überzeugt.

Der Wasserfall
Der Wasserfall

Der Wasserfall

Der Weg folgt inzwischen dem Bach. Sein Rauschen wird lauter, bis schließlich der Wasserfall zwischen den Bäumen auftaucht. Schon von Weitem legt sich sein gleichmäßiges Tosen über den Wald. Das Sonnenlicht bricht sich in den feinen Wassertröpfchen und für einen kurzen Moment scheint alles genau so zu sein, wie ich es von unzähligen Wanderungen kenne.

Früher hätte ich an dieser Stelle vermutlich den Fotorucksack abgesetzt. Ich hätte überlegt, welche Belichtungszeit das Wasser am schönsten wirken lässt. Vielleicht wäre der Graufilter zum Einsatz gekommen. Mit Sicherheit aber das Stativ. Wahrscheinlich hätte ich mehrere Aufnahmen gemacht, um später zu entscheiden, welche mir am besten gefällt.

Heute bleibe ich ebenfalls stehen. Nicht, weil ich darüber nachdenke, welche Ausrüstung ich jetzt brauche. Sondern weil der Wasserfall einfach zu schön ist, um achtlos daran vorbeizugehen. Fast selbstverständlich wandert meine Hand in die Hosentasche. Ein paar Augenblicke später steckt das iPhone schon wieder an seinem Platz und ich setze meinen Weg fort. Ob das Wasser weich und seidig fließt oder jede einzelne Gischt sichtbar bleibt, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Das Bild ist gemacht. Nicht perfekt vielleicht. Aber genau so, wie ich diesen Moment erlebt habe.

Erst während ich weitergehe, wird mir bewusst, dass ich nichts vermisst habe. Nicht den Graufilter. Nicht das Stativ. Nicht einmal die Kamera. Das hätte mich noch vor wenigen Monaten wahrscheinlich selbst am meisten überrascht. Vielleicht lag die Antwort also tatsächlich nicht im Gewicht. Vielleicht störte mich etwas ganz anderes. Nicht die Kamera selbst, sondern der Weg, der nach dem Drücken des Auslösers erst begann.

Der Wasserfall liegt inzwischen hinter mir. Sein Rauschen wird mit jedem Schritt leiser, bis schließlich wieder nur das Knirschen meiner Wanderschuhe den Weg begleitet. Der Anstieg ist inzwischen deutlich anspruchsvoller geworden. Ich gönne mir einen Schluck aus der Trinkflasche und gehe in meinem eigenen Rhythmus weiter. Zwischen den Bäumen öffnet sich der Blick immer wieder ein Stück ins Tal, nur um im nächsten Moment wieder vom Wald verschluckt zu werden. Langsam lichtet sich der Wald. Das Blätterdach wird lichter, der Himmel größer und ich ahne bereits, dass der Aussichtspunkt nicht mehr weit entfernt sein kann.

Der Bach
Der Bach

Der Aussichtspunkt

Schließlich lichtet sich der Wald vollständig. Der Aussichtspunkt liegt vor mir. Ich stelle den Wanderrucksack neben der Bank ab, packe meine Brotzeit aus und lasse den Blick über das Tal schweifen. Für einen Moment gibt es nichts weiter zu tun, als einfach dort zu sitzen und die Aussicht zu genießen. Während langsam die Wolken über die Landschaft ziehen, kreisen meine Gedanken weiter um die Frage, die mich seit dem Wasserfall begleitet. Wenn es nicht das Gewicht der Ausrüstung war – was hatte sich dann verändert?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass die eigentliche Veränderung gar nicht hier draußen begonnen hat. Nicht auf einem Wanderweg. Nicht an einem Wasserfall. Sondern viel später, wenn ich längst wieder zu Hause war. Während ich in mein Brot beiße, schweift mein Blick über das Panorama. Genau für solche Momente bin ich gerne unterwegs. Nicht nur wegen der Aussicht, sondern weil sie den Kopf frei machen. Mit etwas Abstand ordnen sich Gedanken oft ganz von allein. Vielleicht begann alles in dem Moment, als ich nach einer Wanderung zwar die Speicherkarte aus der Kamera nahm, sie aber nicht mehr sofort in den Rechner steckte. Aus „Das mache ich heute Abend.“ wurde „Morgen.“ Aus morgen wurde das Wochenende. Irgendwann fiel mir auf, dass ich die Bilder oft erst sicherte, kurz bevor ich zur nächsten Wanderung aufbrach, einfach weil die Speicherkarte wieder frei werden musste. 

Ich nehme noch einen Bissen von meinem Brot und lasse den Blick über das Tal schweifen. Von hier oben wirkt alles erstaunlich ruhig. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich die Gedanken jetzt so klar ordnen.

Schon zu Analogzeiten hatte dieser Moment etwas Besonderes. Wenn ich die entwickelten Bilder aus dem Labor abholte, war die Spannung groß. Wie waren die Aufnahmen geworden? Hatte das Bild im Kopf den Weg auf den Film gefunden? Selbst als ich später Schwarzweißfilme in der eigenen Dunkelkammer entwickelte, war das Entwickeln für mich nie das eigentliche Ziel. Es gehörte dazu, aber es war immer nur der Weg zum fertigen Bild.

Das Panorama

Eine leichte Brise streicht über den Aussichtspunkt. Ich lehne mich zurück und merke, wie mein Blick immer wieder in die Ferne wandert. Mit der Digitalfotografie änderte sich nicht nur die Technik. Zwischen dem Drücken des Auslösers und dem fertigen Bild lagen plötzlich viele kleine Schritte. Die Speicherkarte musste kopiert, die Aufnahmen gesichert und gesichtet werden. Anschließend begann die Entwicklung der RAW-Dateien. Belichtung, Weißabgleich, Kontraste oder Objektivkorrekturen – jedes Bild wollte entwickelt werden, bevor es seinen Platz auf der Festplatte oder später auf dem NAS fand.

Keiner dieser Schritte war für sich genommen besonders schwierig. Trotzdem fühlte ich mich dabei nie wirklich zu Hause. Oft genügte mir ein Klick auf „Auto“, weil das Ergebnis meinen Vorstellungen bereits nahekam. Ich wurde genügsam, aber unzufrieden. Gleichzeitig blieb immer das Gefühl, dass in den RAW-Dateien eigentlich noch viel mehr steckte. Andere schienen genau das mit wenigen Handgriffen herauszuholen, während ich trotz aller Mühe selten zu einem Ergebnis kam, das mich wirklich überzeugte. Je mehr Zeit zwischen dem Auslösen und dem fertigen Bild verging, desto häufiger fragte ich mich, ob sich dieser Weg für mich überhaupt noch lohnte.

Das Panorama
Das Panorama

Der Rückweg

Ich packe die letzten Reste meiner Brotzeit zusammen, schultere den Rucksack und mache mich wieder auf den Weg. Bevor ich den Aussichtspunkt verlasse, halte ich noch einmal inne. Das Panorama ist zu beeindruckend, um es einfach hinter mir zu lassen. Mit einer fließenden Schwenkbewegung nehme ich das Tal als Panorama mit dem iPhone auf und stecke es anschließend genauso selbstverständlich wieder in die Hosentasche. Kein Stativ. Keine Einzelaufnahmen. Kein späteres Zusammensetzen am Rechner. Ein kurzer Moment, ein paar Schritte – und der Weg führt mich weiter bergab.

Der Weg
Der Weg

Während meine Wanderschuhe über den schmalen Pfad abrollen, lässt mich der Gedanke nicht los. Vielleicht war genau das der Unterschied. Nicht die Bildgestaltung. Nicht der Blick für das Motiv. Der hatte sich über all die Jahre kaum verändert – wenn überhaupt, dann eher zum Besseren. Verändert hatte sich vielmehr der Weg bis zum fertigen Bild. Mit der Kamera begann er oft erst nach der Wanderung. Mit dem iPhone war er in diesem Moment bereits abgeschlossen. Das Bild war nie das Problem.

Der kleine Pilz

Der Weg führt mich nun weiter bergab. Das Sonnenlicht fällt jetzt in flachen Strahlen zwischen die Bäume und taucht den Waldboden in ein warmes Licht. Nach wenigen Minuten bleibt mein Blick an einem kleinen Pilz hängen, der sich seinen Weg durch das dichte Moos gebahnt hat. Solche unscheinbaren Motive haben mich schon immer fasziniert.

Fast unbewusst greife ich zum iPhone, gehe in die Hocke und achte wie selbstverständlich auf Bildaufbau, Perspektive und den richtigen Hintergrund. Ein kurzer Fingertipp – das Bild ist gemacht. Vor einigen Monaten hätte ich wahrscheinlich den Fotorucksack geöffnet, das Makroobjektiv angesetzt und mir deutlich mehr Zeit genommen. Einfach weil der Weg mit der Kamera ein anderer, deutlich aufwändiger ist – nicht die Bildgestaltung an sich.

Ein Pilz
Ein Pilz

Ich betrachte das Bild einen kurzen Moment auf dem Display, stecke das iPhone wieder in die Hosentasche und gehe weiter. Zum ersten Mal an diesem Tag wird mir bewusst, dass ich auf fast nichts verzichten musste. Der Blick für das Motiv ist geblieben. Die Freude, es zu entdecken, ebenfalls. Nur der Weg bis zum fertigen Bild hat sich verändert.

Zurück am Parkplatz

Mein Fotorucksack und Stativ
Mein Fotorucksack und Stativ

Je näher ich dem Parkplatz komme, desto vertrauter werden die Geräusche des Waldes. Irgendwo hämmert wieder ein Specht gegen einen Stamm, als hätte er den ganzen Tag nichts anderes getan. Wenig später ruft in der Ferne ein Kuckuck. Für einen Moment bleibe ich stehen und lausche. Es sind genau diese kleinen Augenblicke, die eine Wanderung oft länger in Erinnerung bleiben lassen als jeder Gipfel oder Aussichtspunkt.

Während ich langsam weitergehe, wandern meine Gedanken noch einmal zu dem Fotorucksack, der seit Stunden unberührt im Auto auf mich wartet. Vielleicht wird er mich schon auf der nächsten Tour wieder begleiten. Vielleicht auch erst dann, wenn ich morgens bereits weiß, dass ich ganz bewusst mit Graufiltern arbeiten, fließendes Wasser in langen Belichtungen festhalten oder einer Bildidee nachgehen möchte, für die sich jeder zusätzliche Handgriff lohnt. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung.

Mit diesem Gedanken erreiche ich schließlich den Parkplatz.

Am Auto wird mir endgültig klar:

Das Bild war nie das Problem. Es war der Weg.

1 Kommentar zu „Das Bild war nie das Problem“

  1. Hallo Jörg
    Ja, die Bildbearbeitung ist manchmal – eigentlich fast immer – Zeitaufwendig. Nicht umsonst sagt man, 1 Stunde fotografieren 2 Stunden Bildbearbeitung.
    Besonders wenn man in der Naturfotografie Serienbildaufnahmen macht, wird es langwierig.
    Ich nehme diese Arbeit gerne in Kauf, kann aber Deine Gedanken auch nachvollziehen.
    Aber nur dem dem Handy fotografieren? Ne, für mich wäre das nichts.
    Gruß
    Andreas

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